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Edition 2004
3. - 26. September 04

© Fabian Biasio, Tagebuch einer Exekution

Fabian Biasio

Tagebuch einer Exekution
Huntsville, Texas. Ein verschlafenes Provinznest, das sich kaum unterscheidet von den unzähligen anderen, übers Land verstreuten texanischen Ortschaften ohne Stadtkern und Charme. Doch spätestens, wenn man der 11. Strasse entlang fährt, merkt man, dass diese Stadt merkwürdig ist. Mächtige rote Backsteinmauern ragen in den Himmel: «The Walls Unit», das Zentralgefängnis – eine Tötungsmaschine. 321 Hinrichtungen fanden hier seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 in Texas statt. 451 Menschen, darunter 9 Frauen, warten derzeit auf ihre Exekution.

James Colburn wurde am 26. März 2003 im US-Bundesstaat Texas mit der Giftspritze hingerichtet. Er tötete im Jahr 1994 die 55-jährige Peggy Murphy aus seiner Heimatstadt Conroe. Der Ruf nach Vergeltung ist ein gängiges Argument für die Exekution von Mördern — die Familie des Opfers soll Frieden fi nden können. «Auge um Auge» lautet die simple Formel dieser Art von Gerechtigkeit.

Tina Morris liebte ihren Bruder James bis zu dessen letztem Tag. James wurde von unabhängigen Gutachtern für schizophren erklärt. Während im Zentralgefängnis von Huntsville das tödliche Gift in seine Venen floss, rief sie ihm durch die Glasscheibe des Zuschauerraums zu: «I love you, James!» Als Erinnerung an die gemeinsame Kindheit bleibt ihr ein Foto, aufgenommen vor 36 Jahren.

Die Exekution wird fotografisch ausgeklammert; es gezeigt wird die Geschichte der persönlichen Tragödie von Tina: Wir sind dabei, wenn sie eine Stunde vor der Exekution das letzte Mal mit ihrem Bruder telefoniert. Oder wenn sie ihn das erste Mal seit fast zehn Jahren berühren darf – eine knappe Stunde nach seinem Tod (Besuchern ist im Texanischen Todestrakt der direkte Körperkontakt zu ihren Angehörigen untersagt).

Die Geschichte «Tagebuch einer Exekution» zeigt, wie die Argumentation «Auge um Auge» eine zweite Opferfamilie schafft. Wir erkennen, dass es kaum möglich ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden: Es gibt Opfer und Täter – doch die Täter können zu Opfern werden und umgekehrt.

Fabian Biasio


Biografie
Fabian Biasio, 1975 in Zürich geboren, arbeitet zunächst als freier Journalist und Videofilmer, bevor er sich in diversen Zeitungen zum Pressefotografen ausbilden lässt. Nach seiner Anstellung bei der «Neuen Luzerner Zeitung» eröffnet er 2001 ein Fotostudio in Luzern.





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