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Edition 2004
3. - 26. September 04

© Andreas Seibert/Lookat, Gyoshos

Andreas Seibert/Lookat

Gyoshos
Botinnen aus einem anderen Japan
Von alten Menschen wird bei uns nicht erwartet, dass sie noch arbeiten. Sie sollen nach Möglichkeit ihr Leben geniessen. Frau Kawai
aus der Provinz Chiba, die östlich an Tokio angrenzt, ist alt. Sie ist 84. Und sie ist eine «Gyosho». Die beiden japanischen Schriftzeichen für «Gyosho» bedeuten «gehen/fahren» und «handeln/Handel treiben». Man könnte «Gyosho» also mit «Hausiererin» übersetzen.

Jede Woche von Montag bis Freitag bringt Frau Kawai ihr 60 Kilo schweres Bündel mit Gemüse, Früchten und Reisprodukten nach Tokio, um sie dort zu verkaufen. Und dies seit mehr als 60 Jahren. Man könnte meinen, diese harte Arbeit hätte sie verbittert und vergrämt. Aber nein: Frau Kawai ist eine starke, zufriedene und selbstsichere Frau mit stolzer Ausstrahlung. So wie die meisten Gyoshos, die ich angetroffen habe.

Als ich in Tokio zum ersten Mal Gyoshos sah, war ich sofort von ihrer Erscheinung beeindruckt. Diese kleinen, gebeugten alten Frauen in ihrer bäuerlichen Kleidung und dem grossen Bündel Gemüse auf dem Rücken passten so gar nicht in das hektische, geschäftige Treiben der modernen Grossstadt. Sie schienen mir Botinnen eines anderen, alten Japans zu sein.

1949 fuhren jeden Tag rund 3 000 Gyoshos von Chiba aus nach Tokio. Heute besteht die «Vereinigung Keisei Linie» nur noch aus rund 120 Frauen. Da junge Frauen nicht mehr als Gyoshos arbeiten wollen und das Durchschnittsalter der aktiven Gyoshos bei etwa 70 Jahren liegt, nimmt ihre Zahl rasch ab.

Die hier gezeigten Bilder sind das Resultat einer gut zweijährigen Arbeit. Bevor ich überhaupt erste Bilder machen konnte, musste ich Kontakt zu den Frauen herstellen. Da ihre Vereinigung geschlossen und hierarchisch strukturiert ist, erwies sich dies als nicht ganz einfach. Es brauchte viel Geduld und Verständnis von beiden Seiten. Dann aber erlaubten sie mir, Bilder zu machen, die vor mir noch kein Fotograf aufnehmen durfte.

In gut zehn Jahren wird es die Gyoshos nicht mehr geben. Ich werde weiter versuchen, ihr Vermächtnis fotografi sch festzuhalten, indem ich eine der elementarsten Eigenschaften der Fotografie nutze: die Zeit einzufangen.

Andreas Seibert

Biografie
Andreas Seibert, 1970 in Wettingen CH geboren, besucht nach einem Studium der Deutschen Sprache und Literatur sowie Philosophie an der Universität Zürich die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich. Er lebt seit 1997 in Tokio und beschäftigt sich vor allem mit der Reportagefotografie und Porträtsaufnahmen, die regelmässig in Zeitungen und Magazinen in der Schweiz, Europa und Asien veröffentlich werden. Seit 1998 ist Seibert Mitglied der Agentur Lookat.




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